Kriegspfarrer an der Ostfront



"Im Sold der Schlächter" - Rezension von Peter Bürger über das Buch von Dagmar Pöpping "Kriegspfarrer an der Ostfront. Evangelische und katholische Wehrmachtseelsorge im Vernichtungskrieg 1941-1945" Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2017. [ISBN 978-3-525-55788-4; Seitenzahl: 275; Preis: 70,- Euro].

"Wie der Offizier muss auch der Kriegspfarrer stets beispielgebend in und außer Dienst vorangehen. Vaterlandsliebe, nationalsozialistische Einstellung und lebendiges Eingehen auf die großen Zeitereignisse dieses Krieges sind selbstverständliche Voraussetzungen."
 (Karl Edelmann, Chef der Amtsgruppe Ersatz und Heerwesen im OKH, dem die Feldbischöfe unterstellt waren, in einem Vortrag am 7.2.1942. Zitat: Pöpping, Kriegspfarrer, S. 23)

Undank ist der Welten Lohn, scheint sich der katholische Feldgeneralvikar und nachmalige kommissarische Feldbischof der Wehrmacht Georg Werthmann (1898-1980) nach Ende des Zweiten Weltkrieges gedacht zu haben. Die Feldgeistlichen wollten den Soldaten doch nur Ermunterung und Trost angedeihen lassen. Doch statt Anerkennung, so eine Notiz Werthmanns vom 30.6.1945, kam der Vorwurf, sie hätten - als gutbezahlte Offiziere - ">im Solde derer gestanden, die uns zur Schlachtbank< geführt haben". Werthmann nahm als der starke Mann an der Seite des berüchtigten Feldbischofs Franz Justus Rarkowski (1873-1950) wohl eine Schlüsselrolle ein bei Organisation und Ausgestaltung der seelsorglichen Assistenz für den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg im Osten (wo "Rarkowski" draufsteht, mag vielfach in Wirklichkeit "Werthmann" drin sein). Doch dass er "der eigentliche Kopf war" (D. Pöpping), das sollte ab 1945 natürlich nicht transparent werden, zumal er ja später den Auftrag bekam, die katholische Militärseelsorge der Bundeswehr aufzubauen. Wie praktisch, dass Georg Werthmann selbst die Möglichkeit hatte, den sehr umfangreichen Archivfundus der katholischen Wehrmachtseelsorge für die Nachwelt "neu zu sortieren".

Neue Forschungen ohne die herkömmliche Apologetik

Es ist ein Glücksfall, dass zwei neuere Arbeiten über die "geistlichen" Dienstleistungen im nationalsozialistischen Vernichtungskrieg vorliegen, die nicht dem apologetischen Paradigma der kirchlichen Selbstlobkollektive verpflichtet sind. Von solchen Arbeiten erwartet der kritische Leser, dass sie quellenfleißige, solide Geschichtswissenschaft statt schwarz-weißer Moralpredigt betreiben, ohne jedoch nach positivistischer Manier auf einen ethischen Bewertungsmaßstab zu verzichten. Wie schon Martin Röw mit seiner Dissertation über [katholische] "Militärseelsorge unter dem Hakenkreuz"1 (2014) wird auch Dagmar Pöpping mit ihrer jetzt vorliegenden Studie über "Kriegspfarrer an der Ostfront" (2017) solchen Erwartungen gerecht.

Die Wissenschaftlerin erhellt über ein Quellenkorpus, in dessen Zentrum Tagebuchaufzeichnungen stehen, wie evangelische und katholische Militärseelsorger den Vernichtungskrieg an der Ostfront wahrgenommen haben. Unter Vorbehalt zieht sie auch Veröffentlichungen der Geistlichen aus der Zeit nach 1945 heran, in denen nicht selten eine Rechtfertigung der eigenen Rolle und überhaupt der "christlichen Beteiligung am Krieg gegen die Sowjetunion" zum Vorschein kommt. Ungeniert konnten z.T. Feindbildkomplexe aus der Zeit des deutschen Faschismus noch über Jahrzehnte beibehalten werden. Der Kalte Krieg machte es möglich.

Geschichtserzählungen mit klaren Eindeutigkeiten werden gerne gelesen, haben aber selten etwas mit dem wirklichen Leben zu tun. Eine Stärke der Arbeit von D. Pöpping ist es, dass sie auf den dargestellten Feldern das Zweideutige, Vielschichtige und Gegensätzliche sichtbar macht. Kirchenleitungen konnten bevorzugt Geistliche mit großer Nähe zur nationalsozialistischen Ideologie in die Militärseelsorge abschieben; genauso gelangten aber auch regimekritische Theologen dorthin, um etwa aus der "Schusslinie" der Gestapo genommen zu werden. (Im Übrigen ist es ein großer Trugschluss anzunehmen, Anhänger der Bekennenden Kirche oder katholische Gegner der Nationalsozialisten hätten per se den Krieg an der Ostfront abgelehnt.) - Phänomene der Ökumene (u.a. Gemeinschaftsgottesdienste, gegenseitige Vertretung) gehen - von praktischen Notwendigkeiten abgesehen - vielfach auf das Konto preußischer Wehrmachtstraditionen und der NS-spezifischen "Volksgemeinschafts"-Ideologie. Das bedeutet aber keineswegs, dass sich in der Begegnung mit dem Kollegen der anderen Konfession nicht auch Kennenlernen, Abbau von Vorurteilen und Wertschätzung ereignen konnten.

Die Kriegspfarrer und ihre menschliche Bedürftigkeit

Durch alle Kapitel hindurch begegnen wir Menschen, also der Bedürftigkeit, dem Erbärmlichen und manchmal auch Schönen. Die Theologen wollen Karriere machen ("richtiger Kriegspfarrer" im Offiziersrang sein), stellen ihre Arbeit bei den vorgesetzten Stellen gut dar und stehen untereinander in Konkurrenz, wünschen sich Anerkennung oben bei der Militärobrigkeit und unten bei den Soldaten (im Einzelfall auch durch unbefugte militärische "Heldentaten"), leiden an Missachtung oder spöttischen Bemerkungen der Umwelt, sind bisweilen theologisch wirklich "unbedarft", zählen gewissenhaft ihre sakramentalen Verrichtungen, flüchten sich in hohles Pathos und narzisstische Überspanntheiten, verfallen manchmal dem Suff oder der "widernatürlichen Unzucht" (schwule Theologen), warten wie andere Soldaten sehnsüchtig auf Heimatpost, sind angesichts der - oftmals kirchenfernen - Sterbenden im Lazarett völlig überfordert und schließlich im Horror der Kriegsverbrechen nur da fähig zum Mitgefühl, wo es die eigene Gruppe betrifft …

Die Militärseelsorger begleiteten auch Soldaten, die - zumeist wegen "Wehrkraftzersetzung" - zum Tode verurteilt waren. Man muss befürchten, dass sie mehrheitlich von einer Schuld der Delinquenten - auch "vor Gott" - ausgingen und diese bisweilen auch wie Verbrecher behandelten! Im Originalzitat eines Geistlichen wird ein Mann als weich charakterisiert, weil er nicht sterben will und weint! Der katholische Seelsorger Johann Anton Hamm tauft einen Todeskandidaten kurz vor der Hinrichtung und versteigt sich angesichts dieser "großen Taufgnade" noch nach 1945 zu der Aussage: "Welch ein schönes Sterben!"

Im Kapitel "Theologie des Todes" gewährt die Verfasserin uns Einblicke in die Abgründe eines vermeintlich noch christlichen "Theologietreibens". Im evangelischen Bereich wird vorsorglich schon ab 1937 immer krasser proklamiert, dass das kriegsbedingte Töten von Menschen einer anderen Gruppe zur "Erhaltung oder Durchsetzung der notwendigen Lebensbedingungen des eigenen Volkes" kein Mord sei.

"Heiliger Wald deutscher Erde, Wald der Kreuze"

Der Soldat freilich ist dem Geschick aller Sterblichen und somit angeblich auch dem Transzendenten besonders nahe. Der Tod der eigenen "Helden", die im deutschen Vernichtungskrieg infolge ihres Tötungshandwerks das Leben verlieren, soll auf die Kreuzesnachfolge Christi verweisen! (Es bleibt immer noch zu wünschen, dass im Rahmen der Theologiegeschichte gerade jenes Feld der Kriegstheologie endlich zutreffend benannt wird, in dem Häresie und Hirnerweichung eine untrennbare Verbindung eingegangen sind.) Der katholische Kriegspfarrer Johannes Opfermann predigt zum Heldengedenktag 1943 den Soldaten, ihr Grabkreuz müsse sich einmal "würdig" erweisen, im "heiligen Wald deutscher Erde, dem Wald der Kreuze" zu stehen. Der katholische Priester und Neutestamentler Anton Vögtle faselt noch 1957 im Bundestag (!) der deutschen Öffentlichkeit ins Mikrofon, die Todesstunde sei für die meisten Soldaten "die größte Stunde ihres Lebens" gewesen! Das kann man angesichts der Massengräber wahrlich nur noch begreifen, wenn man alle Vernunft fahren lässt.

Gebetsmühlenartig wird besonders in "katholischen" Erzeugnissen betont, der Topos "Gerechter Krieg" habe 1939-1945 kirchlicherseits zumindest nicht im Vordergrund gestanden. Doch jetzt müsste man anfügen, was in D. Pöppings Arbeit (sowie bei Martin Röw) auch für den Bereich der Militärseelsorge ansichtig wird: Man betrachtete den Ostfeldzug geradezu als einen "heiligen Krieg" (was ja noch viel mehr ist als "nur gerecht") und konnte hierbei die zentralen Bestandsteile der nationalsozialistischen Propaganda transponieren! Den Soldaten wurde 1941 - durchaus nicht unter Beifall der Nationalsozialisten - in einem gemeinsamen Werk beider Militärbischofsämter der Soldatentod als heiliger Opfertod gepredigt (der Soldat entscheide außerdem durch seine "Lebenshingabe" über den geschichtlichen Wert seines Volkes "vor dem Gottesgericht des Allmächtigen"). Der große Weltanschauungskrieg im Osten entschied über "Christentum oder Bolschewismus". Musste man dann nicht Stalingrad als das neue Golgatha betrachten? Der Bolschewismus war "gottlos" und eine "jüdische Erfindung". Er "vertierte" die Menschen und machte sie seelenlos. So galt es also, Russland zu befreien von den "Tieren", den "Seelenlosen", den "Gottlosen", den Christenverfolgern (und den Juden?).

Mit großer Verblendung wähnten sich nicht wenige Militärseelsorger im Sold des nationalsozialistischen Staates als Missionare auf einem Feldzug zur Re-Christianisierung des Ostens (noch jahrzehntelang wird man sich an leuchtende Gesichter beim Sakramentsempfang der unterdrückten Christen erinnern). Der evangelische Kriegspfarrer Gerhard Knapp klaut am 19.1.1942 aus dem Haus seiner russischen "Gastgeberfamilie" eine Ikone als Andenken für die Heimat und lässt sich vom vorgesetzten Lazarettarzt das Gewissen beruhigen. Bald wird das Haus ja ohnehin in Flammen aufgehen, in deutschen Flammen.

Zeugen der systematischen Kriegsverbrechen und Massenmorde

Das bedeutsamste Kapitel des Buches betrifft die "Zeugenschaft" der Kriegsseelsorger im nationalsozialistischen Rasse- und Vernichtungskrieg. - Bis Ende 1941 waren hinter der Ostfront schon eine halbe Millionen Menschen von Einsatzkommandos ermordet worden. Die Wehrmacht entschied sich zum Zusehen und zur Kooperation. Alle wussten Bescheid. Im Ostfeldzug wurde der Massenmord an Juden mit Kriegswaffen von zigtausenden Händen ausgeführt. - Die angeführten Quellen sind eindeutig. Die systematischen Massenmorde waren den Theologen in Uniform, darunter auch ausgewiesene Antisemiten, bekannt. Doch sie sahen und sahen nicht, so als wären sie gespaltene Persönlichkeiten. Sie stumpften ab oder beschwichtigten sich selbst. Sie stellten auch keineswegs den Krieg als Ganzes in Frage und erkannten auch nicht, dass sie durch das Werk der Gewissensberuhigung auf der eigenen Seite Dienstleister von "Satans Werk" geworden waren. Ein Lehrstück ist es für uns alle, wie korrumpierbar wir Menschen sind!

Nur einen wirklich hellen Moment erschließen die gesichteten Zeugnisse. Der katholische Divisionspfarrer Josef Maria Reuss und sein evangelischer Kollege Wilhelm Kormann versuchen gemeinsam, das Leben von etwa 90 jüdischen Kindern zu retten - am Ende vergeblich. Eine Spezialstudie mit detaillierten Belegen zur Zeugenschaft und zum Wissen um die systematische Vernichtungskriegsführung - bis hinauf in die obersten Kirchenleitungen - wird dereinst wohl alle apologetische Literatur von falschen Freunden des verfassten Christentums ad absurdum führen.

Die Nationalsozialisten wünschten keineswegs eine christliche Aufladung des Ostfeldzuges, arbeiteten zunehmend auf eine Beschneidung der ohnehin nicht überdimensionierten Militärseelsorge hin und hätten diese wohl bei weiterem Kriegsfortgang ab 1945 auch ganz abgeschafft. Umso schlimmer waren die ideologischen wie praktischen Dienstleistungen und Kompetenzbegierden der beiden christlichen Militärseelsorgekomplexe. Man wurde zu alledem nicht gebeten und war nicht mehr gefragt, aber man führte mitten im Vernichtungskrieg den Kampf ums eigene "Daseinsrecht". O arme Christenheit!

An diesem Buch kommt keiner vorbei, der über das Thema "Kirche und Zweiter Weltkrieg" forscht. Der enorm hohe Preis steht einer breiten, demokratischen Rezeption entgegen.

Fußnote
1. Martin Röw: Militärseelsorge unter dem Hakenkreuz. Die katholische Feldpastoral 1939-1945. Paderborn / München / Wien 2014. - Vgl. zu dieser Forschungsarbeit die Rezension von Antonia Leugers:  http://universaar.uni-saarland.de/journals/index.php/tg/article/viewArticle/807/851