Erfahrungen eines evangelischen Pfarrhelfers.

Dieser Bericht ist keine Fiktion. Der Name und die Adresse des Autors sind der Redaktion bekannt.
 

"Herr X war 12 Jahre Soldat, bevor er Pfarrhelfer wurde. Er ist Angestellter des Bundes und zur Dienstleistung zum Evangelischen Militärpfarramt X abgestellt. Dies ist wie jedes Militärpfarramt eine eigene Dienststelle der Bundeswehr mit Dienstsiegel etc

Die normalen Aufgaben von X waren:

  1. die Verwaltung der Bundesmittel für Bürobedarf wie Papier, Schreibmaterial, Postwertzeichen etc (ca. 300,-€); 
  2. die Verwaltung der Gemeindemittel von Seiten der Kirche für Kirchenkaffee, Gestaltung von Gottesdiensten, sonstige Veranstaltungen etc (ca. 3000,-€)  die Abrechnung der Reisekosten und Spesen; 
  3. die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von Rüstzeiten; und 
  4. bei Gottesdiensten und Feldgottesdiensten im Manöver das Mitbringen der Altargeräte, die Verteilung der Handzettel, den Auf- und Abbau der Lautsprecher. Anschl. Verköstigung der Gottesdienstbesucher. Kirchenkaffee etc.
  5. Erster Ansprechpartner auf einer Zwei-Mann-Dienststelle. Er führt das Dienstfahrzeug.

Ärgernisse

(1.) Es gibt zahlreiche Treffen der deutschen Militärseelsorger mit Kollegen aus anderen Ländern: mit Niederländern, Polen, Franzosen und Tschechen. Dabei werden sämtliche Ausgaben im In- und Ausland von der deutschen Seite bezahlt. Ein solches Treffen kostet zwischen viel Geld. Es war egal, ob die deutschen Militärpfarrer ins Ausland gefahren sind, oder die ausländischen Militärpfarrer nach Deutschland gekommen sind – bezahlt haben immer die Deutschen. Anmerkung: Ausländische Militärpfarrer stehen im Rang eines Soldaten und werden auch so besoldet.

(2.) Die ständigen Dienstbesprechungen. Für die Wehrbereiche  gab es fünf Dienstbesprechungen im Jahr: Zusätzlich eine nur für die Dekane. Zweimal alle ca 20 Militärpfarrer eines Wehrbereichs, einmal für alle Militärpfarrer aus dem ganzen Bundesgebiet ca. 100 Teilnehmer. Bei diesen Treffen sind die Sachfragen schnell besprochen. Diese Treffen dauerten mindestens 3 Tage (2 Übernachtungen) bis zu einer Woche (4 Übernachtungen). Es gab treffen in Paris an denen die Ehefrauen nachreisen konnte. Viel Geld wird gebraucht für die zahlreichen Exkursionen und für die Abende, bei denen die Militärpfarrer es sich gut gehen lassen. Herr X hatte starke Zweifel, welchen Sinn das hatte.

(3.) Bei allen Veranstaltungen der Militärseelsorge werden die Teilnehmenden gezählt. Es sind aber fast immer dieselben Menschen, die an solchen Veranstaltungen teilnehmen. Wenn dieselben 20 Soldaten zu 5 Veranstaltungen der Militärseelsorge gehen, dann werden 100 gezählt. Die Erfolgszahlen der Militärseelsorge werden beschönigt. Herr X schätzt, dass die Zahl von 1% [Martin Bock "Religion als Lebensbewältigungsstrategie von Soldaten...." Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr, Strausberg 2002, Seite 69] durchaus realistisch ist. Die Militärseelsorge wird von nicht mehr als 1% der Soldat/innen in Anspruch genommen. Schwierig ist es, die Rüstzeiten voll zu bekommen. Die Soldaten möchten an den Wochenenden frei haben, sie möchten nicht noch am Wochenenden mit Kameraden zu tun haben. Ein großer Teil der Teilnehmern besteht aus ehemaligen Soldaten.

(4.) Es gibt einzelne Soldaten, die A15 und A16 verdienen [z.B. ein Oberstleutnant], und die eine Art Rüstzeiten-Tourismus betreiben. Diese Soldaten gehen zu einer Freizeit der Militärseelsorge X, ein paar Wochen später dann zu einer Freizeit der Militärseelsorge Y, und dann noch bei Z... Diese Soldaten bezahlen für sich selbst und ihre Familie pro Tag insgesamt im Schnitt nur 22 Euro für Vollpension und Programm inkl. Exkursionen, Kinderbetreuung, Bastelmaterial.

(5.) Es ist nicht förderlich, wenn ein Militärpfarrer im Einsatz in Afghanistan eine Waffe trägt. Auch wenn es von der Militärseelsorge nicht gewollt ist und verurteilt wurde, so kam der Militärpfarrer doch an eine Waffe. Was denken die Taliban über unsere Religion, wenn der Pfarrer eine Waffe trägt?

(6.) Es ist nicht gut, wenn ein Militärpfarrer bei der Trauerfeier für gefallene Soldaten das Lied „Krieger des Lichts“ von Silbermond spielen lässt. Weil man dann implizit die militärischen Gegner zu „Kriegern der Finsternis“ erklärt. Das heizt den Konflikt an. Man sollte es der Gegenseite nicht unterstellen. Es könnte Anschläge zur Folge haben.

(7.) Bei Soldaten mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) verhalten Militärpfarrer sich manchmal ungeschickt, weil sie nicht gut dafür ausgebildet sind. Besser sind in diesen Fällen die Truppenpsychologen. Herr X rät den Militärpfarrern: Schuster, bleib bei deinen Leisten!

(8.) Die Gottesdienste im Einsatz werden oft nur besucht, weil dies die einzige Abwechslung im langweiligen Alltag ist. Die Soldaten sitzen tagelang in ihren Containern vor ihrem Laptop, versuchen Kontakt mit zu Hause zu halten, versuchen die Langeweile zu besiegen und die 4 Monate herum zu bringen."

 Berlin, den 02.02.2014

 Foto: Fertig ausgebildete Pfarrhelferinnen und Pfarrhelfer bekommen ihre Bescheinigung.