34 Wittenberger Thesen - unser Beitrag zum Jubiläum 500 Jahre Reformation (1517-2017)


Diese 34 Thesen wurden von Christen und Christinnen, die Mitglied im Internationalen Versöhnungsbund und/oder in der DFG-VK sind, am 14.08.2014 in Wittenberg an den Bauzaun der Schlosskirche geheftet.  [Hier als pdf-Dokument] 

  1. Re-formieren heißt zurück-formen, nämlich zurück zur Quelle. Sich immer neu an Jesus Christus orientieren. Ecclesia semper reformanda! Die Kirche muss immer reformiert werden - auch heute.
  2. Jesus von Nazareth hat gewaltlos gelebt. Er hat die Friedensstifter selig gesprochen. Er hat gelehrt, wie man aufrecht bleiben kann, auch wenn man angegriffen wird (Mt 5). Bei seiner Verhaftung hat er sich nicht gewehrt.
  3. Martin Luther hat viele Bereiche der Kirche und des Lebens reformiert. Dabei hat er das Thema „Militär und Gewalt“ ausgeklammert. An der Zusammenarbeit der Kirche mit dem Militär hat sich durch die Reformation wenig geändert.
  4. Das Jubiläum „500 Jahre Reformation“ könnte ein Anlass sein, dieses „vergessene“ Stück Reformation nachzuholen.
  5. Als ChristInnen sind wir berufen, mitten in dieser Welt, die voll Gewalt ist, ZeugInnen seines Friedens zu sein. Wir dürfen im Geist seines Friedens leben.
  6. Jesus hat gesagt: Das Reich Gottes ist nahe herbei gekommen; es hat unter uns bereits begonnen.
  7. Zum Reich Gottes gehört zentral die Gewaltlosigkeit. In der kirchlichen Lehre werden traditionell aber andere Aspekte des Glaubens betont. (Siehe Fußnote Nr. 1)
  8. Die ChristInnen der ersten beiden Jahrhunderte - auch Bischöfe und die so genannten Kirchenväter - haben alles Militärische abgelehnt. In der Theologie wird dies selten gelehrt.
  9. Spätestens seit der Konstantinischen Wende (4. Jh) wurde der Gedanke von der „Nachfolge Christi“ verdrängt. Er hat von da an nur am Rande der Kirche überlebt. Nachfolge Christi ist ein Leben in seinem Geist, nach seinem Vorbild.
  10. Die großen Kirchen fahren noch immer zweigleisig: Wenn man mit gewaltlosen Methoden keinen Erfolg hat, dann darf man als angeblich „letzte Möglichkeit“ auch Gewalt anwenden. Wir fordern: Die Kirchen sollen ganz auf gewaltlose Mittel setzen.
  11. Nicht nur der Glaube sondern auch die Vernunft und statistische Untersuchungen  zeigen: Gewaltfreie Mittel sind nachhaltiger, effektiver, kosten weniger Menschenleben - und kosten weniger Geld als militärische Methoden. (Siehe Fußnote Nr. 2)
  12. Mit der Bergpredigt lässt sich Politik machen. Beispiele sind die friedliche Revolution in der DDR 1989, die Revolution in Liberia 2003 und die Rosenkranzrevolution auf den Philippinen 1986.
  13. Paulus schreibt: "Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem." Dies gilt auch für politische Konflikte.
  14. Der Aufruf zur Gewaltlosigkeit richtet sich an alle Menschen, nicht nur an wenige Auserwählte.
  15. Der Aufruf zur Gewaltlosigkeit gilt nicht nur für das Paradies oder eine ferne Zukunft, sondern für heute.
  16. In den Volkskirchen gibt es die Angst, Mitglieder zu verlieren, wenn man sich gegen Rüstung und Militär ausspricht. Angst bestimmt das Handeln der Kirchenleitung. Aber nicht die Angst, sondern Jesus Christus soll unser Handeln bestimmen.
  17. In der Bundeswehr arbeiten etwa 200 Militär-Geistliche (Siehe Fußnote Nr. 3). Diese begleiten, trösten und unterhalten die Soldaten in der Heimat und an der Front. Sie sind nützliche Räder im militärischen Getriebe. Durch ihren Segen und ihre Begleitung stärken sie die Bundeswehr. Nur selten hat ein Militärpfarrer gesagt: Legt die Waffen nieder! Geht nach Hause!
  18. Die Kirche segnet seit dem 2. Weltkrieg keine Waffen mehr. Aber Militärpfarrer begleiten und segnen auch heute das Militär. Die Gottesdienste und Gespräche signalisieren: Gott ist mit euch, auch wenn ihr Gewalt anwendet. Gott wird euch vergeben.
  19. In vielen Ländern der Erde gibt es Militärpfarrer. Überall benutzen sie Fahrzeuge des Militärs, haben Büros in Kasernen, tragen im Einsatz militärische Kleidung und werden vom Militär bezahlt.  Ein paar Details sind von Land zu Land verschieden.
  20. Jesus Christus hat sich allen Menschen zugewendet, auch den Soldaten. Aber es ist eine Sache, sich einem Menschen zuzuwenden. Es ist eine andere Sache, deren Gewalttaten begleitend zu unterstützen.
  21. Die Kirchen in der DDR haben positive Erfahrungen damit gemacht, dass Soldaten in der Freizeit die Pfarrhäuser und Kirchen aufgesucht haben. Unsere Forderung: Diese Form der Soldatenseelsorge sollte heute in ganz Deutschland eingeführt werden.
  22. SoldatInnen und ihre Angehörigen sind willkommen in unseren Gemeinden: bei Taufen, Hochzeiten und beim Abendmahl, im Kirchenchor ...
  23. In vielen Ländern gibt es Auslandspfarrer. Diese werden von den Kirchen in Deutschland bezahlt und organisiert. Unsere Forderung: Diese Auslandspfarrer sollten gleichermaßen für Entwicklungshelfer, Diplomaten, medizinisches Personal und SoldatInnen zuständig sein.
  24. In evangelischen und katholischen Kirchen finden pro Jahre 80-100 Militärkonzerte statt. Dabei werden in der Regel keine Märsche sondern christliche Stücke gespielt.
  25. Bei diesen Konzerten überträgt sich die besondere Atmosphäre der Kirche und die Schönheit der Musik auf die Bundeswehr. Es ist Sympathie-Werbung für das Militär. Die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges wird ausgeklammert. Was würde Jesus zu Militär-Werbung in seinem Haus sagen?
  26. Auf Kirchentagen und Katholikentagen gibt es Auftritte der Bundeswehr-Musikkorps, Werbestände der Militärseelsorge und Militärgottesdienste - mit Militärbischof und VerteidigungsministerIn. Unsere Meinung: Katholikentage und Kirchentage sollten dem Frieden dienen, nicht aber dem Militär.
  27. So wie Jesus Christus die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel vertrieben hat – energisch aber ohne Waffengewalt – so sollten auch wir heute alles Militärische aus den Kirchen vertreiben, vor allem die Militärkonzerte und die Militärseelsorge.
  28. Wir fordern: Die Kirchen sollen ihren Mitglieder empfehlen, nicht beim Militär und nicht in Rüstungsfirmen zu arbeiten. Eine solche, deutliche Empfehlung fehlt bisher.
  29. Viele Kirchengemeinden, in deren Bereich sich Rüstungsfirmen befinden, verschließen davor die Augen, die Ohren und den Mund. Die betroffenen Kirchengemeinden sollen Informationen über diese Firmen sammeln und darüber diskutieren.
  30. Nicht wenige kirchliche und kirchennahe Einrichtungen lassen sich durch Rüstungsfirmen sponsern, z.B. soziale Projekte oder die Renovierung der Kirche. Als Gegenleistung wird Stillschweigen erwartet.
  31. Wir fordern: Jeder Euro, der bislang in die Bundeswehr investiert wird (über 30 Mrd. Euro pro Jahr), soll ab sofort in soziale Projekte und das Training gewaltfreier Methoden investiert werden.
  32. Die meisten internationalen Konflikte werden ohne Gewalt beigelegt. Es gibt zahlreiche Projekte der Völkerverständigung. Es gibt erfolgreiche Bemühung, bestimmte Waffenarten zu ächten. Es gibt Organisationen, die wissen, wie man bei Konflikten gewaltlos eingreifen kann: Peace Brigades International, Nonviolent Peaceforces, Christian Peacemaker Teams, Bund Soziale Verteidigung, Ziviler Friedensdienst und andere. Die Kirche sollte diese Organisationen und Projekte stärker unterstützen.
  33. Die Religionen – auch das Christentum – soll dem Frieden und der Gerechtigkeit dienen. Die Religionen sollen nicht länger dem Krieg dienen.
  34. Der Prophet Micha: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Kein Volk wird gegen das andere das Schwert erheben, und sie werden fortan nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“

Wittenberg, 14.08.2014, hier in der Fassung vom 12.10.2016

Fußnoten
(1.) Traditionelle Themen: Die Einladung an Außenseiter, die Vergebung der Sünden, die Nähe Gottes, die Heilungen…
(2.) Erica Chenoweth, Why Civil Resistance Works, New York 2011
(3.) Es sind 100 evangelische und 100 katholische Militärpfarrstellen. Manche Stellen, vor allem auf katholischer Seite, sind nicht besetzt. Manche Stellen sind von Pastoralreferenten besetzt. Auf evangelischer Seite gibt es auch Militärpfarrerinnen. Jede/r Militärpfarrer/in hat eine/n Soldaten/in als Pfarrhelfer/in an der Seite. Die Militärpfarrer werden verwaltet durch Militärdekane, Militärbischöfe und das KMBA und EKA (zwei Bundeswehr-Behörden) in Berlin.

Anmerkungen
An diesen Thesen hat auch DDR-Friedenspfarrer Christoph Wonneberger (Leipzig) mitgearbeitet.
Das Foto auf Seite 5 zeigt einen Militärpfarrer in militärischer Kleidung auf einem deutschen Kriegsschiff.



Hier genau das Gegenteil von unseren 34 Thesen: Militärpfarrer Andreas Kölling rechtfertigt den Einsatz von Militär und Gewalt.

Leserbrief von Militärpfarrer Andreas Kölling zu den „34 Thesen von Christen bei der Deutschen Friedensgesellschaft“ (s.u. Anm. 1)

Ich bin evang. Pfarrer und nach zwölf Jahren im Gemeindepfarramt nun seit vier Jahren hauptamtlich bei der Seelsorge in der Bundeswehr in Burg (Sachsen-Anhalt) tätig. Ich betreue auch das "Gefechtsübungszentrum Heer", dass im Sommer Ort einer Protestaktion gewesen ist. 2013 habe ich den Kosovo-Einsatz begleitet. Ich möchte den Autoren danken, dass sie Soldaten in den Kirchengemeinden willkommen heißen. Auch habe ich großen Respekt vor dem pazifistischen Bekenntnis der Autoren. Mir selbst fällt so ein Bekenntnis schwer, weil ich um das Gewaltpotential in mir als Mensch weiß und Teil einer Kirche bin, die eine teilweise gewalterfüllte Geschichte hat. Einige Punkte muss ich anfragen:

1. Ist die Haltung Jesu so eindeutig pazifistisch? (These 1) Er lobt den Glauben des Hauptmanns aus Kapernaum und fordert von ihm keinen Verzicht auf den Kriegsdienst. Und seine Austreibung im Tempel dürften die Händler durchaus als gewaltsam erlebt haben (These 27).

2. Dass die Christen bis zur Konstantinischen Wende alles Militärische entschieden abgelehnt hätten (These 5) wird durch häufige Wiederholung nicht wahrer. Martin George, Professor für ältere Kirchengeschichte, meint, "dass die Kirche der ersten drei Jahrhunderte nicht in ihrer Gesamtheit als in ihrer Haltung grundsätzlich pazifistisch angesehen werden kann." (s.u. Anm 2)

3. Ob wir das Militär "stabilisieren" (These 14), ist eine berechtigte Frage. Manchmal stabilisiert Kirche wahrscheinlich ganze Gesellschaften. In der Bundeswehr erlebe ich jedoch alle Freiheiten, kritisch zu wirken und den Soldaten (willkommene) Freiräume für kritisches Denken zu schaffen. Generalleutnant Wolf von Baudussin wünschte sich einst von der Seelsorge in der Bundeswehr, wir sollten die Soldaten humanisieren, zivilisieren und pazifizieren. Mit diesem "Auftrag" kann ich mich sehr gut identifizieren.

4. Dass wir, wie in der DDR, genauso gut außerhalb der Kasernen (sprich: ohne staatliche Unterstützung) wirken könnten (These 16), bezweifle ich sehr. In der Bundeswehr muss ich vor allem missionarisch arbeiten. Und dazu muss ich zu den Soldaten gehen. Das gilt umso mehr für die Einsatzbegleitung (These 20). Nur wenn ich den Alltag der Soldaten teile, kann ich ihre Sorgen verstehen.

5. Das eigentliche Anliegen der 34 Thesen scheint mir eine Zukunft ohne Armee zu sein. Ich habe aber noch keine praxistauglichen Alternativen gesehen. Was sollen Streitschlichter tun, wenn die Streitenden nicht reden wollen? Polizei kann hier nur begrenzt wirken. Sie hat nicht genug Freiwillige. Und wenn die Situation außer Kontrolle gerät, ruft die Polizei nach dem Militär. So habe ich es im Kosovo selbst erlebt. Mein Wunsch ist, dass alle, die nach Wegen des Friedens suchen, in der Militärseelsorge einen Partner sehen, der Expertise aus Krisengebieten und dem Umgang mit dem Militär einbringen kann.

Andreas Kölling

Von der Bundeswehr-Website. Fragen an den neuen Militärseelsorger in Burg

Sachsen-Anhalt, 11.08.2010 (s.u. Anm. 3)

Pfarrer Andreas Kölling hat zum 1. August die Stelle als Leiter des Evangelischen Militärpfarramts Burg in Sachsen-Anhalt angetreten. Zu seinem Zuständigkeitsgebiet gehören außerdem die Standorte Havelberg und Magdeburg sowie einige Gefechts- und Truppenübungsplätze in der Region. Kölling ist Nachfolger von Militärpfarrer Friedrich Gebhardt und arbeitet in Burg zusammen mit seinem Pfarrhelfer Holger Kartheus.

Bitte stellen Sie sich kurz vor!

Ich wurde 1967 in Münster (Westfalen) geboren. In Bethel, Halle (Saale) und Erlangen habe ich evangelische Theologie studiert. Seit 1990 bin ich in Sachsen-Anhalt und seit 1993 mit einer Pfarrerin verheiratet (zurzeit vom Dienst freigestellt). Ich habe zwei Kinder.

Was haben Sie zuletzt gemacht?

Ich war Gemeindepfarrer in Naumburg im Süden von Sachsen-Anhalt. Die Arbeit habe ich mir mit meiner Frau geteilt. Eigentlich wollten wir zehn Jahre bleiben. Doch dann sind es zwölf geworden.

War waren Schwerpunkte Ihrer Tätigkeit?

Neben den klassischen Feldern wie Gottesdienst und Unterricht hat die Verwaltung – u. a. Bauaufgaben – viel Zeit in Anspruch genommen. Meine besondere Berufung sah ich aber in dem Kontakt zu Menschen am Rande der Kirche, die durch unsere traditionellen Angebote weniger angesprochen werden. Für sie entstand das Projekt "Den Himmel entdecken. Gottesdienst für Einsteiger & Entdecker" mit der Predigt im Kreuzverhör, Theater und Band. Ergänzend waren Tauf- und Glaubenskurse sowie die Öffentlichkeitsarbeit wichtig.

Was reizt Sie an der Militärseelsorge?

Bei meinen regelmäßigen Gottesdiensten zum Volkstrauertag und den Kontakten im Naumburger Bundessprachenamt habe ich die Klage von Soldaten über mangelndes Verständnis für ihre Arbeit in der Öffentlichkeit gehört. Ich habe verstanden: Sie werden zu Außenseitern gemacht. Und zu denen fühle ich mich besonders hingezogen.

Noch etwas?

Ja, ich freue mich darauf, dicht an Menschen – auch bei ihrer Arbeit – zu sein und mehr Zeit für Seelsorge zu haben. Schließlich hatte ich nach zwölf Jahren einfach auch Lust auf etwas ganz Neues.

Welche Akzente wollen Sie bei ihrer neuen Aufgabe setzen?

Zunächst einmal möchte ich viel hören und verstehen lernen, wie unsere Soldaten – und ihre Familien – leben, was sie bewegt und herausfordert. Dann ist es natürlich für mich wichtig, in Gottesdienst, Unterricht und Seelsorge die Soldaten in ihrem Alltag auch zu erreichen. Ich bin sicher, dass das auf viele Weisen möglich ist und dass die Ideen kommen, wenn ich ein wenig erfahren habe, wie es in Burg und den anderen Standorten "tickt". Ich freue mich sehr darauf!

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Anmerkungen

(1.) Dieser Leserbrief erschien in der Zeitschrift Versöhnung, Rundbrief des Internationalen Versöhnungsbundes Deutscher Zweig, Ausgabe Nummer 4, Dezember 2014, und antwortet auf die "34 Thesen", die in derselben Zeitschrift, in der Ausgabe Nummer Nr. 3, Oktober 2014, erschienen sind.

(2.) Prof Martin George hat sich mit vielen Themen befasst (zum Beispiel mit Mystik, Ostkirche, Ehe). Aber er hat sich kaum oder gar nicht mit dem militärkritischen Gedankengut der frühen Kirche befasst.

(3.) Quelle: Website der Bundeswehr, download 29.12.2014