01.04.2017 21:10

Theodor Ebert gegen Militärgottesdienst auf dem Kirchentag 2017 in Berlin

From: Theodor Ebert
Sent: Tuesday, March 28, 2017 6:57 PM
To: "die Kirche" (Zeitschrift)


Liebe Freundinnen und Freunde,
seit einem Rundschreiben von Mirjam Mahler, der Geschäftsführerin des Versöhnungsbundes, vom 23.3.2017 beschäftigt mich die Frage, wie ich auf die Ankündigung eines Militärgottesdienstes während des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Berlin und Wittenberg reagieren soll. Wenn die Verteidigungsministerin Dr. Ursula von der Leyen in der KWG unter der liturgischen Regie des Militärbischofs predigen sollte, wird dies zweifellos auf eine Rechtfertigung von Einsätzen der Bundeswehr und ihrer Verbündeten und deren Vorbereitung im Namen Jesu hinauslaufen. Diese Rechtfertigung ist nicht möglich und für einen solchen Gottesdienst dürfte sich die Berliner Kirche als verantwortliche Gastgeberin des Kirchentages nicht hergeben. Als Mitglied der Berliner Kirchenleitung wäre ich mit einem solchen Auftritt der Verteidigungsministerin in einem Gottesdienst nicht einverstanden gewesen. Militäreinsätze widersprechen der Friedensbotschaft Jesu in der Bergpredigt und den gesamten Berichten der ersten Christen über sein Leben und seine Botschaft. Das ist offensichtlich und es gibt dafür eine Wolke der Zeugen. Als Christin müsste dies auch Ursula von der Leyen einsehen. Sie wäre eigentlich verpflichtet, die Friedensbotschaft konsequent, d.h. in der Nachfolge Jesu, weiterzugeben. Ihr scheint dies nicht hinreichend klar zu sein. Wenn sie nun vom Präsidium des Kirchentages aufgefordert wurde, in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zu predigten, sollte die Berliner Kirchenleitung, die für die Verkündigung der Botschaft Jesu in unserer Landeskirche zuständig ist, ihr nahe legen, die Teilnahme an diesem Militärgottesdienst abzusagen, dies auch um ihr Zeit zu geben, sich auf die Botschaft Jesu zu besinnen. Diese Aufgabe der Besinnung habe ich am Ende der einzigen Predigt meines Lebens angesprochen.

Im Internet fand ich folgenden Offenen Brief vom 22.11.2016:

Militärgottesdienst auf dem Kirchentag 2017 Berlin

An das Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages

Wir bitten: Keinen Militärgottesdienst auf dem DEKT 2017 in Berlin!

Frieden gehört in die Mitte kirchlichen Lebens. Kirchentage sind hiervon ein wichtiges Zeugnis, vom geistlichen Leben bis zum Diskurs über aktuelle gesellschaftspolitische Fragen.

Christinnen und Christen sind in der Nachfolge Jesus aufgefordert, den Weg der Gewaltfreiheit zu gehen. Hierzu gehört es, militärische Gewalt abzulehnen beziehungsweise grundsätzlich in Frage zu stellen.

In den letzten Jahren haben regelmäßig bei Kirchen- wie auch bei Katholikentagen Gottesdienste stattgefunden, bei denen die Bundeswehr eine zentrale Rolle spielte: MilitärmusikerInnen spielen, VertreterInnen der Bundeswehr sitzen in den ersten Reihen, Militärpolizisten (Feldjäger) sichern den Eingang, und der Militärbischof predigt. Solche Veranstaltungen dienen immer auch der öffentlichen Darstellung des Militärs. So wird Militärmusik von der Bundeswehr als Teil der Öffentlichkeitsarbeit gesehen, der es darum geht, die Akzeptanz der Bundeswehr und militärischer Einsätze zu erhöhen und die Voraussetzung für die Rekrutierung von Soldatinnen und Soldaten zu verbessern.

Es ist unstrittig, dass Soldatinnen und Soldaten zu Gottesdiensten eingeladen sind. Die Militärgottesdienste haben aber erkennbar eine andere Funktion als (nur) dem Seelenheil zu dienen. Neben der Selbstvergewisserung der Bundeswehr sind sie in erster Linie eine öffentliche Demonstration für die Bundeswehr im Rahmen eines großen Events wie dem Kirchentag, ohne dass eine kritische Auseinandersetzung mit der heutigen Funktion der Bundeswehr erfolgt:

1. Militär kann keinen Frieden schaffen. Selbst Befürworter/innen militärischer Einsätze erhoffen sich, dass im besten Fall ein Waffenstillstand erreicht werden kann. Aber zu welchen Kosten an Menschenleben und an Ressourcen? Es ist zumindest umstritten, ob die Ausbildung von Sicherheitskräften zumeist autoritär geführter Staaten letztlich positive Wirkungen erzielt.

2. Militärinterventionen haben in den letzten Jahrzehnten niemals die in sie gesetzten Ziele erreicht. Auch wenn die Lage immer wieder geschönt dargestellt wird: Die Militäreinsätze in Afghanistan sind gescheitert, das Land steht weiterhin am Abgrund.

3. Die Bundeswehr dient schon lange nicht mehr (primär) der Landesverteidigung. Vielmehr ist sie laut Weißbuch zur Sicherheitspolitik und zur Zukunft der Bundeswehr ein Instrument, um nationale Interessen (freie Handelswege, Zugang zu Rohstoffen) durchzusetzen - letztlich ein Machtinstrument. Die meisten bisherigen Einsätze erfolgten aber aus Bündnissolidarität.

4. Das Militär hat den Auftrag und die Kernkompetenz, vorgegebene Ziele auch durch den Einsatz tödlicher Waffen zu erreichen - und nicht wie die Polizei, primär Menschenleben zu schützen. Daher sterben bei Militäreinsätzen viele Menschen auf grausame Weise. Viele werden verletzt oder müssen fliehen. Häuser, Schulen, Fabriken werden zerstört. Der Wiederaufbau kostet viel Zeit und Geld.

5. Statt Militärausgaben zu steigern, müssen dringend zivile Instrumente der Krisenprävention und Konfliktbearbeitung und die Friedensforschung ausgebaut sowie völkerverbindende Aktivitäten stärker gefördert werden.

Gottesdienste sollen dazu dienen, in unserer friedlosen Welt die biblische Friedensbotschaft zu verkünden (Micha 4,3 und Matthäus 5-7). In einer gewalttätigen Welt, in der Militär eine große Rolle spielt, sollen in unseren Gottesdiensten Alternativen aufgezeigt werden.

Aus diesen Gründen bitten wir: Keinen Militärgottesdienst auf dem DEKT 2017 in Berlin!

Folgende Organisationen unterstützen diesen Aufruf: Dietrich-Bonhoeffer-Verein, Internationaler Versöhnungsbund deutscher Zweig, Forum Friedensethik in der Evangelischen Landeskirche in Baden, Solidarische Kirche im Rheinland, Ökumenisches Netz in Deutschland, Ökumenische Netz Württemberg, Netzwerk Friedenssteuer, Friedensinitiative Westpfalz, Koordination Arbeits- und Koordinierungsstelle Praktische Schritte, Initiative Kein Militär mehr, Ökumenische Initiative zur Abschaffung der Militärseelsorge, Initiative MusikerInnen gegen Auftritte der Militärmusikkorps, die SprecherInnen der BAG ChristInnen (Bündnis 90/Die Grünen) Kerstin Taeubner-Benick und Friedrich Battenberg.

Ich bin auf dieses Problem leider erst jetzt aufmerksam geworden und frage mich nun: Was kann ich noch machen? Vor ein paar Jahren wäre diese Frage noch in meine Verantwortung als Mitglied der Kirchenleitung gefallen. Jesus ist seinen Verfolgern gelegentlich ausgewichen. Um noch einmal Zeit zu gewinnen, möchte ich Ursula von der Leyen empfehlen, die Predigt von sich aus abzusagen. Ich würde sogar akzeptieren, dass sie dies ohne theologische Begründung mit dem Hinweis auf Sicherheitsbedenken tut. Als Verteidigungsministerin wird sie ständig von bewaffneten Personenschützern begleitet. In solcher Weise geschützte Gottesdienste passen nun wirklich nicht zu Jesu Art des Umgangs mit seinen Mitmenschen. Sie muss sich als Politikerin nicht zum Martyrium anbieten, aber sie darf Veranstaltungen, in der sie und andere ohne Not unverhältnismäßig gefährdet sind, absagen.

...

Seid herzlich gegrüßt bis morgen früh!

Euer Theodor

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