(II.) Wahrnehmungen

  1. Die Militärseelsorge erfüllt in der Praxis, ähnlich wie der Truppenpsychologe, die Militärmusik, die Feldküche und der Sanitätsdienst, eine Rolle innerhalb des Militärs. Sie ist ein kleines Rad in der großen Militärmaschine.
  2. Eine Fürbitte für die Feinde hört man in Militärgottesdiensten eher selten. Beispielsweise hat im TV-Militärgottesdienst am 15.05.2011 diese Fürbitte gefehlt. Ebenso wie die Bitte um den Frieden zwischen den Kulturen. Auch an die Getöteten der Gegenseite wurde nicht in gleicher Weise gedacht wie an die Getöteten der eigenen Seite.
  3. Laut einer Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Institutes der Bundeswehr ist die Funktion der Militärpfarrer in der Praxis nur selten das persönliche Gespräch mit den Soldaten (Militärpfarrer-Paradoxon). Unsere Wahrnehmung: Die Hauptfunktion der Militärpfarrer ist die Begleitung, und damit die moralische Legitimation der Auslandseinsätze. Der Soldat hat den Eindruck: Wenn sogar der Pfarrer mitkommt, dann kann das, was wir hier tun, nicht verwerflich sein.
  4. Wenn ein Pfarrer immer wieder Kasernen betritt oder Soldaten begleitet, färbt dies auf ihn ab. Die meisten Militärpfarrer übernehmen mit der Zeit die Verhaltensweisen, die Gewohnheiten und die Gedanken des Militärs.
  5. Der Militärpfarrer wird von den Soldaten entsprechend seiner Bezahlung wie ein Oberstleutnant wahrgenommen und auch so behandelt.
  6. Wir haben den Eindruck: Auf die Militärseelsorgestellen bewerben sich - nicht immer aber oft - solche Pfarrer, die eine Affinität zu militärischen Strukturen und Verhaltensweisen haben.
  7. In der Zivilgesellschaft ist es ein Tabu, einen Menschen zu töten. Im Militär ist das Töten eines Menschen kein Tabu, wenn im Kriegsfall auf Befehl gehandelt wird. Die Grenze von der einen zur anderen Welt ist deutlich markiert: durch das Gelöbnis, durch militärische Kleidung, durch die militärische Fachsprache, durch die militärische Rangordnung, durch das militärische Grüßen. Der Militärpfarrer überschreitet diese Grenze.  Er entfernt sich auf diese Weise aus der Zivilgesellschaft. Er entfernt sich auch von dem gewaltfreien Jesus Christus.
  8. Es ist zwar theoretisch denkbar, dass ein Militärpfarrer zu Soldaten im Auslandseinsatz sagt: „Dieser Krieg, den wir hier führen, ist Unrecht. Verweigert die Befehle, legt eure Waffen ab und geht nach Hause!“ Aber hat das jemals ein Militärpfarrer gesagt?
  9. In Trauerfeiern für "gefallene Kameraden" verleihen Militärpfarrer diesem sinnlosen Tod nicht selten doch einen Sinn: Der Soldat sei gestorben, damit die Zivilbevölkerung (z.B. in Afghanistan) im Frieden leben kann. Der Kamerad ist darum gestorben, damit wir weitermachen.
  10. Die Militärseelsorge hat eine große Nähe zum Militär. Sie wirkt auf die Truppe beruhigend und stabilisierend.

Hier geht es weiter zu (III.) Folgerungen und (IV.) Forderungen.


Eine Taufe in einem Feldlager in Afghanistan. Prima, wenn sich ein Mensch taufen lässt !!! Aber es ist nicht gut, wenn dies der seelischen Beruhigung eines Soldaten im Einsatz dient! Denn auf diese Weise ist die Militärseelsorge - vielleicht unabsichtlich - ein gut funktionierendes Rädchen im großen Militärgetriebe. Quelle hier.