(I.) Informationen

  1. Es gibt in Deutschland circa 100 evangelische und 100 katholische Militärpfarrämter, dazu 5 evangelische und 4 katholische Militärdekanate und je einen Militärbischof.
  2. Der Staat gibt circa 30 Millionen Euro / Jahr für die Militärseelsorge aus. Was wünscht sich der Staat dafür – ausgesprochen oder unausgesprochen – als Gegenleistung?
  3. Der Militärpfarrer hat unter anderem die Aufgabe der "Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen". Das heißt: Der Militärpfarrer soll helfen, dass ein Soldat nach einem belastenden Einsatz bald wieder funktioniert.
  4. Der Militärpfarrer ist zwar offiziell exemt, das heißt der militärischen Hierarchie enthoben. Er bleibt offiziell seinem kirchlichen Bekenntnis verpflichtet. Er sieht sich selbst nicht als Teil der Bundeswehr.
  5. Aber die Praxis sieht anders aus:
    - Der Militärpfarrer wird von seinem kirchlichen Arbeitgeber freigestellt (beurlaubt). Er wird Bundesbeamter auf Zeit.
    - Er wird vom Staat bezahlt. (Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.)
    - Er bekommt in der Regel ein höheres Gehalt als der Gemeindepfarrer.
    - Er legt einen Beamteneid ab.
    - Er unterliegt der Pflicht, militärische Informationen geheim zu halten.
    - Er wird vor der Anstellung vom Militärischen Abschirmdienst (MAD) überprüft.
    - Er bekommt ein Dienstfahrzeug von der Bundeswehr.
    - Er bekommt einen Pfarrhelfer (100% Dienstauftrag) an die Seite gestellt.
    - Die mail-Adressen der Militärpfarrämter enden auf "bundeswehr.org".
    - Er trägt im Ausland immer militärische Kleidung. Ebenfalls auf Kriegsschiffen. Im Inland trägt er bisweilen militärische Kleidung. Auf der Schulterklappe befindet sich kein Rangabzeichen sondern das Logo der Militärseelsorge.
  6. Laut einer Umfrage des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr, finden zwar 95,7 % der Soldaten „gut, dass ein Pfarrer im Lager ist“, aber auf die Frage: „Mit wem sprechen Sie über ihre persönlichen Ängste und Gefühle?“ antworten 54,8 % „mit den Kameraden“, 46,4 % „mit der Partner/in“, 6,7 % „mit dem Vorgesetzten“,  22,6 % „mit niemandem“ und nur 1,3 % „mit dem Militärpfarrer“. Mehrfachnennungen waren möglich. Spätere Untersuchungen werden von der Bundeswehr geheim gehalten.
  7. In den Fortbildungsangeboten der Militärpfarrer für Soldaten und deren Angehörige und im Lebenskundlichen Unterricht spielt die Auseinandersetzung mit der Gewaltfreiheit Jesu Christi und mit gewaltfreien Methoden der Konfliktlösung so gut wie keine Rolle.
  8. Die obersten Behörden der Militärseelsorge, das Evangelische Kirchenamt für die Bundeswehr (EKA) und das Katholische Militärbischofsamt (KMBA) sind - anders als es die Namen sagen möchten - keine Organe der Kirche, sondern es sind Behörden des Verteidigungsministeriums (nachgeordnete Behörden).
  9. Oft wird gesagt, die Militärseelsorge sei mit der Gefängnisseelsorge vergleichbar. Aber es gibt wesentliche Unterschiede: Der Gefängnispfarrer begleitet seine "Klienten" in der Regel nicht bei gewalttätigen (oder Gewalt androhenden) Ausfahrten. Er ist auch nicht bei der Vorbereitung auf diese Ausfahrten dabei. Außerdem ist er nicht Mitglied derselben gewalttätigen Organisation/en wie seine Klienten. Der Gefangene kann während der Verbüßung seiner Strafe das Gefängnis nicht verlassen, deshalb muss der Seelsorger in das Gefängnis. Ein Soldat kann seine Kaserne verlassen.

Hier geht es weiter zu (II.) Wahrnehmungen.